Der Bierzauberer von Günther Thömmes

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Der Bierzauberer von Günther Thömmes

Beitragvon rené keller » 12.04.2008, 13:31

Den Hinweis auf dieses Buch habe ich im Gratis-Käseblatt, welches allmorgendlich die morgentaufrischen Köpfe der Leser meist mit Horrorschlagzeilen vergiftet gefunden (hey - wer mich damit ertappt, ich nehme es mir nur wegen dem Kreuzworträtsel!). Der Grund für den Artikel lag darin, dass ein Teil der Geschichte im Kloster in St. Gallen spielt. Die Kurzbeschreibung und der Titel des Werks haben mich angesprochen, so dass ich es bestellte.

Angeblich ist der Ich-Erzähler bei seiner Ausbildung zum Brauer und Mälzer in Andernach am Rhein zufällig auf ein uraltes Buch gestoßen. Das Buch dreht sich um das Leben des Niklas von Hahnfurt und spielt im 13. Jahrhundert. Es war damals üblich, dass im eigenen Haushalt Bier gebraut wurde, eine Tätigkeit, welch nur Frauen vorbehalten war. Der 11-jährige Niklas ist dermaßen begeistert davon dabei seiner Mutter zur Hand zu gehen, dass er sich sehnlichst wünscht, dereinst ein Bierbrauer zu werden. Sein Vater hat nach anfänglicher Skepsis ein Einsehen und ermöglicht seinem Jungen die Aufnahme als Novize im Kloster Urbrach. Dies ist der Beginn einer Odyssee, welche Niklas von einem Kloster ins andere führt. Immer wieder hat er Pech und verschiedene Vorfälle zwingen ihn dazu, weiterzuziehen. Im Laufe seines Lebens heiratet er, wird Vater zweier Kinder und lebt mit seiner Familie als gemachter Braumeister in Köln. Allerdings wird er seinen lebenslangen Fluch und Feind in Person des fanatischen Inquisitors Bernard von Dauerling, mit welchem er in seiner Jugendzeit noch befreundet war, zeit seines Lebens nicht los. Ausserdem muss er sich auch mit der damals grassierenden Pest, mit Bränden und dem Neid anderer Brauer, welche seinen Erfolg der Hexerei zuschreiben herumschlagen. Rückschläge und Erfolge wechseln sich ab, und Niklas kommt nie in den Genuss, des von ihm eigentlich angestrebten ruhigen und zufriedenen Lebens. Diese Lektüre ist nicht nur ein Historien- sondern ebenso auch ein Kriminalroman. Dem aus dem deutschen Bitburg stammenden Autor Günther Thömmes, Jahrgang 1963, eindrucksvolle Art, geschichtsgetreue Fakten mit Dichtung zu vermischen. Er bedient sich einer einfachen, jedoch packenden Erzählform und lässt den Leser geschickt eintauchen in die Stimmung des Zeitalters der Inquisition und der Kreuzzüge. Vielleicht nicht allen bekannt ist die traurige Tatsache, dass 1349 den Juden Brunnenvergiftungen und das Auslösen der Pest angelastet wurde. Die schreckliche Folge davon war ein Pogrom im Laufe dessen viele Juden vom Mob gejagt, gefoltert und umgebracht wurden. Die Beschreibung der mangels Kanalisation von Urin, Kot und Abfällen stinkenden Gassen ist so real, dass sich der Leser bald im Klowagen eines grossen Festivals wähnt und sich während dem Lesen am liebsten die Nase zuhalten würde. Geschickt vermischt er auch die von ihm erfunden Figuren mit damals wirklichen lebenden, historisch bedeutenden Persönlichkeiten. So lässt er seinen Bierbrauer-Helden zum Beispiel auf den Dominikaner, Juristen und Philosophen Albertus Magnus treffen, welchem das von Niklaus gebraute Bier dermaßen gut schmeckt, dass er davon gleich 13 Kübel geniesst und dann ziemlich angetrunken wegschnarcht. Auch zieht Niklas zusammen mit anderen Brauern in die wegen des Limburger Erbfolgestreits angezettelten und für Köln bedeutsame Schlacht von Worringen, welche im Jahre 1288 für die beteiligten Parteien erhebliche Konsequenzen hatte und zur Befreiung Kölns von der Herrschaft Erzbischofs Siegfried von Westerburg führte. Die gelungene Mixtur aus historisch verbürgten Tatsachen und Fiktion vermögen zu überzeugen und bieten, vor allem auch geschichtlich interessierten Bücherfreunden einige vergnügliche Lesestunden, während derer sie nicht nur unterhalten werden, sondern nebenbei auch einiges über das Mittelalter können. Wer "der Name der Rose" mag, wird bestimmt auch an dieser Lektüre gefallen finden.



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